Stefan Siegwart Gründer, Vantage:Brain GmbH
2026 Perspektiven

Das Innovationsproblem
ist kein Innovationsproblem.

Innovation ist das Wort dieser Jahre im Mittelstand. Wer es nicht im Leitbild stehen hat, wirkt rückständig. Wer es stehen hat, macht meistens trotzdem dasselbe wie vorher. Nur mit mehr Workshops.

Was meistens passiert, wenn Unternehmen innovativer werden wollen.

Wir kennen das Muster. Irgendwann kommt der Moment, in dem die Geschäftsführung spürt, dass das Kerngeschäft allein nicht mehr trägt. Der Markt verändert sich, die Margen werden dünner, Wettbewerber kommen mit anderen Modellen. Also wird Innovationskraft auf die Agenda gesetzt. Design Thinking Workshops werden gebucht. Ein Innovationsmanager wird eingestellt. Manchmal kommt eine externe Beratung, die das Thema methodisch aufbereitet und eine Roadmap liefert.

Das klingt vernünftig. Und trotzdem passiert danach meistens nicht viel. Die Workshops sind gut, der Energiepegel hinterher auch. Nur was genau damit gemeint ist, was sich ändern soll? Das bleibt seltsam unklar. Und ein halbes Jahr später läuft wieder alles wie vorher, nur, dass jetzt ein paar Post-its an der Wand hängen.

Das ist kein Zufall. Es liegt nicht an fehlendem Einsatz und nicht an schlechten Methoden. Es liegt daran, dass das falsche Problem angegangen wird.

Das eigentliche Problem liegt nicht im Unternehmen. Es liegt im Blick darauf.

Mittelstandsunternehmen, die feststecken, haben in den allermeisten Fällen keine Ideen-Blockade. Wer mit den Leuten dort spricht, hört eine Menge Ideen. Ideen was man anders machen könnte, was der Markt braucht, was intern schon lange angepasst werden müsste. Die Ideen sind da.

Was fehlt, ist die Bereitschaft, die Grundannahmen des eigenen Geschäftsmodells wirklich in Frage zu stellen. Nicht die Abläufe, nicht die Prozesse, nicht das Marketing. Die Frage dahinter: Womit sind wir in der Vergangenheit erfolgreich gewesen? Und ist das noch dasselbe, womit wir in Zukunft erfolgreich sein werden? Naja, diese Frage ist unbequem. Sehr. Denn sie impliziert, dass das was aufgebaut wurde möglicherweise nicht mehr reicht. Und das ist schwer zu denken, wenn man selbst derjenige ist, der es aufgebaut hat.

Wer dieselbe Leistung immer effizienter erbringt, die der Markt morgen nicht mehr braucht, hat kein Effizienzproblem. Er hat ein Rahmenproblem.

Das ist keine Kritik an Geschäftsführern im Mittelstand. Es ist eine strukturelle Realität. Wer tief im operativen Betrieb steckt, wer Verantwortung für hundert laufende Themen trägt, wer seine Energie täglich auf das Tagesgeschäft verwendet, der kommt schlicht nicht in den Modus des grundsätzlichen Hinterfragens. Nicht weil er es nicht will. Sondern weil der Betrieb keine Lücke lässt.

Warum von innen niemand die richtigen Fragen stellt.

Das Führungsteam kennt das Unternehmen gut. Zu gut, könnte man sagen. Es kennt die Gründe warum bestimmte Dinge so laufen wie sie laufen. Es kennt die Geschichte hinter den Entscheidungen. Es weiß welche Themen intern heikel sind. Und genau das macht es fast unmöglich, wirklich unvoreingenommene Fragen zu stellen, denn jede Frage hat eine Vorgeschichte, und jede Antwort hat eine Konsequenz, die irgendjemanden betrifft.

Mitarbeitende fragen nicht, weil sie abhängig sind. Das Führungsteam fragt nicht, weil es beschäftigt ist. Gesellschafter fragen meistens in die falsche Richtung, nämlich nach Kennzahlen statt nach Grundannahmen. Und externe Berater fragen zwar, aber mit einer Agenda. Sie brauchen eine Antwort, die ihr Modell bestätigt, und das färbt ab auf die Fragen, die sie stellen.

Irgendwann fragt also niemand mehr wirklich. Alle optimieren. Das Unternehmen wird immer besser in dem was es tut. Und das was es tut, passt immer schlechter zu dem was der Markt braucht.

Was dann tatsächlich hilft.

Nicht mehr Methoden. Nicht mehr Workshops. Nicht ein weiteres Strategiepapier, das den vorherigen ergänzt. Was hilft ist ein Gegenüber, das keine Abhängigkeiten trägt und keine Agenda hat. Jemand der fragen kann, ohne dass die Frage selbst schon Konsequenzen auslöst, bevor die Antwort gefunden ist.

Das ist eine andere Rolle als die des klassischen Innovationsberaters. Der kommt rein, erhebt den Status quo, entwickelt Szenarien und geht wieder. Was zurückbleibt ist ein Dokument und die Frage wer das jetzt eigentlich umsetzt. Bei uns geht es nicht um das Dokument. Es geht darum, dass die Geschäftsführung selbst in die Lage versetzt wird, die richtigen Fragen zu stellen, und zwar regelmäßig, nicht einmal im Strategieprozess.

Die Unternehmen im Mittelstand, die wir in dieser Situation begleiten, haben selten ein Erkenntnisproblem. Sie wissen oft genug was sich ändern müsste. Was fehlt ist der Raum um das zu denken, und ein Gegenüber, das nicht nachgibt, wenn die Antwort zu bequem ist. Das klingt einfacher als es ist. Aber es ist konkreter als jeder Workshop.

Sich neu erfinden, ohne sich zu verlieren.

Das Ziel ist nicht Disruption um der Disruption willen. Das ist ein Missverständnis, das viele Innovationsinitiativen in die falsche Richtung treibt. Der Mittelstand hat Stärken, die er oft selbst unterschätzt. Kundennähe, Verlässlichkeit, handwerkliche Tiefe, Jahrzehnte aufgebautes Vertrauen. Diese Stärken einfach wegzuwerfen wäre falsch.

Was gebraucht wird ist die Fähigkeit zu unterscheiden, welche dieser Stärken in Zukunft noch trägt, und welche davon Vergangenheit sind die man schützt, weil man sie kennt, nicht weil sie noch zählt. Das ist die eigentliche Arbeit. Keine Innovationsroadmap löst das. Aber die richtige Frage, zur richtigen Zeit, im richtigen Gespräch, kann es in Gang setzen.

Und dann? Dann verändert sich etwas. Langsam meistens, und unspektakulär. Nicht als großes Transformationsprogramm, sondern als eine Reihe von Entscheidungen, die diesmal anders getroffen werden als die davor. Das ist der Anfang von dem, was von außen später wie strategische Erneuerung aussieht.

Wer wissen will wo sein Unternehmen gerade steht, und bereit ist für eine ehrliche Außenperspektive, kann mit einem Diagnose-Mandat anfangen. Vier Wochen. Keine Roadmap. Aber eine klare Einschätzung.